Die
Aryan Brotherhood ist eine weiße Gefängnisgang, die ihrem
Selbstverständnis nach rassistische Ziele verfolgt, in der Praxis aber
vor allem kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel, Diebstahl,
Prostitution, Raub und Gewaltkriminalität nachgeht.
Die Aryan
Brotherhood verwendet gerne germanische oder keltische Symbole und
verwendet oft Abkürzungen oder Tarnnamen wie AB, 12/One-Two, The Brand,
Alice Baker u. ä.
Oft werden FBI-Analysen zitiert, nach denen nur
0,1 % der Häftlinge AB-Mitglieder sind, von ihnen aber 18 % der Morde
ausgehen. Diese Zahlen sind aber umstritten.
DIE GRÜNDUNG IN DEN 60er-JAHREN
Auf
jeden Fall entstammt die Aryan Brotherhood einer Situation der
60er-Jahre und hat sich danach verselbständigt. In den 60er-Jahren kamen
in den USA immer mehr nicht-Weiße in die Gefängnisse und waren immer
besser organisiert, während gleichzeitig die Forderung erhoben und
umgesetzt wurde, wie überall im Land die Rassentrennung aufzuheben.
Das
hatte zur Folge, dass weiße Gefangene, die zuvor die Oberhoheit hatten
und z. B. durch bestimmte Schübe wie in Wirtschaftskrisen und nach
Kriegen die Gefängnisse stark popularisiert hatten, in die Minderheit zu
geraten drohten. Das bedeutete, dass die AB am Anfang sogar defensiven
Charakter hatte, danach aber schnell in die Offensive überging.
Entstanden
sein soll die AB im Jahre 1967 im Staatsgefängnis St. Quentin in
Kalifornien. Einige Quellen datieren sie auch noch früher (z. B. 1964).
An
der Gründung waren aber nicht nur angelsächsische Weiße beteiligt, die
einen "Germanenkult" betrieben, sondern auch Iren, die einen
"Keltenkult" mitbrachten. So wurde auch das irische Kleeblatt und das
Keltenkreuz neben Nazisymbolen wie Hakenkreuz (Swastika) und SS-Runen
bzw. -Blitzen Erkennungszeichen der AB.
Namentlich ging die frühe
AB auf die Blue Bird Gang zurück, die v. a. aus irischstämmigen Rockern
bestand. Da das ganze damals noch nicht in geregelten Bahnen verlief,
waren zunächst Namen wie Diamond Tooth Gang und Nazi Gang im Gebrauch.
DIE KONSOLIDIERUNG DER 70er-JAHRE
Die
Aryan Brotherhood gewann durch ihre gute Organisation und ihre Härte in
den Gefängnissen schnell an Einfluss. Durch erste Haftentlassungen
fasste sie auch außerhalb der Gefängnisse schnell Fuß.
Weiterhin
begann etwas, das man später nicht mehr so sah und was einen aufgrund
der klassischen Links-Rechts-Verhältnisse wundert: In den frühen 70er
Jahren gab es eine Zeit lang Verknüpfungen zwischen teilen der linken
Gegenkultur und Gefangenengangs, die meist rechts standen und z. B. für
den Vietnamkrieg waren.
Das kam daher, dass die politische (Neue)
Linke damals immer frustrierter mit der Gesellschaft wurde und nicht
mehr auf friedliche politische Veränderungen hoffte. Außerdem glaubte
man, dass die Arbeiterklasse, wenigstens die weiße, zu systemfreundlich
geworden sei, und dass man daher auf soziale Randgruppen setzen müsse.
Eine Untermauerung dieser Vorstellungen lieferten die Theorien von
Herbert Marcuse.
Umgekehrt standen die eigentlich rechten Brüder
auf die rebellische Musik der linken Protestkultur dieser Tage. Und
nicht zuletzt der Drogenhandel erreichte durch die "Couter Culture" ein
ungeahntes Ausmaß. Neben dem allgemeinen Zeitgeist wirkten speziell
Filme wie "Easy Rider" nachfragefördernd.
In der Praxis zeigte sich aber, dass Gefangenengangs wenig Interesse an sozial-progressiven Ideen haben.
Einige AB-Veteranen, die diese Zeit noch erlebt haben, berichteten später wortreich über diese Zeit der bedingten Koalitionen.
Ein
besonderer Vertreter dieser rebellischen Zeit war Charles Manson mit
seiner sog. Family. Manson selber (Jahrgang 1934) hatte schon vor seiner
Politisierung Knasterfahrung gesammelt. Daher wusste er, dass mit den
Black Panthers und ähnlichen Gruppen in den Zellen nicht zu scherzen
war. Manson schloss also einen vorübergehenden Pakt mit der Aryan
Brotherhood, der ihn im Gefängnis vor Schikanen schützen und die
AB-Mitglieder außen mit Waren und Frauen versorgen sollte. Diese Allianz
brachte der Family jedoch auch Probleme ein. Kenneth Como von der AB
erwies sich als äußerst Machtbewusst und zog einige Anhänger der Family
zu sich herüber (Spaltung in Comoites und Mansonites).
Schließlich
kam der endgültige Bruch dadurch, dass Manson sich weigerte, einfach
nur als Loyalitätsbeweis einen Schwarzen umzubringen (Quelle: Lynette
Fromme).
Die Aryan Brotherhood kümmerte dieses
Intermezzo wenig. Sie erhielt dadurch ein wenig Popularität, kümmerte
sich an sonsten aber vor allem um die Drogengeschäfte, die inzwischen
äußerst blutig ausgetragen wurden. Es kam bei Drogenkämpfen zu vielen
Toten auf seiten verschiedener Gangs und der Polizei.
Aus
taktischen Gründen konnte man aber auch mit ideologischen Feinden
zusammenarbeiten, wie z. B. mit der mexikanischen Gang "La Eme".
Erbitterte Feinde über lange Zeit waren und sind aber die Kämpfer der "Black Guerilla Family".
DIE NEUSTRUKTURIERUNG DER 80er-JAHRE
Die
Konsolidierung der Machtstrukturen wirkte bis in die 80er-Jahre. Die
Aryan Brotherhood hatte inzwischen ein Netz fast über die ganzen
Vereinigten Staaten gespannt und war jetzt in Chapter aufgeteilt. Die
Zusammenarbeit zwischen Untergruppen innerhalb und außerhalb der
Gefängnisse funktionierte inzwischen auch prächtig. Neben dem
Drogenhandel waren der Überfall auf Geldtransporte und Geldfälschungen
"Highlights" der Verbrecherorganisation.
Die Organisation drängte
auch zunehmend in den Waffen- und Sprengstoffhandel vor, was aber erst
in den 90er-Jahren und später deutliche Auswirkungen hatte.
Trotz
der bisherigen Erfolge musste man aufgrund der gewonnenen Größe und
aufgrund der neuen Herausforderungen seine innere Struktur anpassen. Die
Aryan Brotherhood teilte sich intern in eine Gruppe für
Bundesgefängnisse und eine Gruppe für Staatsgefängnisse (der
Einzelstaaten). Die Aryan Brotherhood wurde jetzt von einem
Dreiergremium gelenkt.
Nach außen hin versuchte die Aryan
Brotherhood, Kontakte zu White-Supremacy-Gruppen wie der Aryan Nation
herzustellen. In einigen Fällen gelang das und traf auf Gegenliebe, in
anderen Fällen war die Reaktion ablehnend.
WEITERE ENTWICKLUNG: 90er-JAHRE, 00er-JAHRE
Die
Aryan Brotherhood setzte im folgenden ihren Kurs fort und intensivierte
ihn noch. In den 90er-Jahren kam es nicht nur zu einer langen Reihe von
Straftaten, Machtkämpfen und Morden im illegalen Geschäftsleben,
sondern auch zu ideologisch motivierten Morden an Nicht-Weißen. Berühmt
wurde ein Fall in Jasper (Texas), in dem drei Ex-Häftlinge den Schwarzen
James Byrd (Jr.) am Heck ihres Pick-Ups zu Tode schleiften.
Auch
der Handel mit Waffen und Sprengstoff wurde intensiviert. Das FBI
deckte 2000 auf, dass die AB nicht nur mit Sprengstoff handele, sondern
sogar Anschläge auf Bundesbehörden in großem Stil plane.
Gleichzeitig
gelangen den Behörden aber auch einige Erfolge gegen führende
Mitglieder der AB. Sie konnten einige aus der Zelle (Isolationshaft!)
geschmuggelte Kassiber entschlüsseln und so den Führern der AB
Mordabsichten nachweisen. Damit waren viele der Anführer in
Schwierigkeiten.
Im Jahre 2002 wurden in einer Großaktion viele AB-Köpfe abgegriffen und auf der Grundlage des RICO-Aktes angeklagt.
In
einer Reihe von Großprozessen ab 2006 konnte zwar die Todesstrafe
abgewendet werden, aber viele der Gefangenen müssen nun für immer hinter
Gittern bleiben. In einigen Fällen macht die Haftverlängerung aber
nichts mehr aus, weil die Häftlinge sowieso schon lebenslänglich ohne
Chance auf Bewährung haben.
Zum Leidwesen der AB sagten auch
einige ihrer Bundesbrüder gegen die Führung aus. Motive mögen einerseits
in Haftminderung gelegen haben, andererseits aber auch darin, dass die
Führung der AB nicht nur einzelne Mordaufträge erteilt hat, sondern
gleich ganze Familien ausrotten wollte.
Da bekamen selbst einige erfahrene Killer Gewissensbisse (z. B. Michael Thompson).
Die Verfolgungsmassnahmen des Staates trafen insbesondere Barry Byron Mills und Tyler "The Hulk" Bingham.
Im
Juni 2005 gingen die Fahnder auch gegen den verbündeten "Order of the
Blood" vor, der besonders in Ohio Hauptquartiere unterhielt.
Ein
weiteres Problem ist die Aryan Brotherhood of Texas (ABT). Dabei
handelt es sich um eine Abspaltung von AB-Anhängern, die vom
Führungsgremium der AB nicht in der Organisation geduldet wurde - aus
welchen Gründen auch immer.
Neben ihren Bandenkriegen machte die
Gruppe Anfang 2014 von sich reden, als sie aller Wahrscheinlichkeit nach
für Morde an Staatsanwälten verantwortlich war.
Im Januar 2014
erschoss sie Mark Hasse (Leitender Oberstaatsanwalt) und im März Mike
McLelland (Bezirksstaatsanwalt) und seine Frau Cynthia.
Unklar
ist, ob auch ein Zusammenhang mit dem Mord am Gefängnisdirektor Tom
Clement aus Colorado besteht. Der mutmassliche Täter Evan Ebel starb 2
Tage später in Dallas bei einer Schießerei mit Polizisten.